Auf den Spuren Wladimir Putins in Dresden
Der russische Präsident verbrachte fünf Jahre an der Elbe und erlebte hier den Zusammenbruch des sozialistischen Staatswesens
Die unscheinbare, zweistöckige Villa liegt in einem der schönsten Villenviertel Dresdens. Nur wenige Schritte, und man ist im romantischen Park des toskanisch-klassizistischen Schlosses Albrechtsberg, oder im Waldgebiet der Dresdner Heide, oder am Belvedere, von dem man über die hier leicht geschwungene im Sonnenlicht glitzernde Elbe auf die Türme der Dresdner Altstadt hinab sehen kann. Oder aber in dem weitläufigen Komplex der ehemaligen Staatssicherheit der DDR. In dieser Villa in der Angelikastraße 4, die heute die Antroposophische Gesellschaft beherbergt, arbeitete von 1985 bis 1990 Wladimir Putin.
Der Präsident der russischen Föderation war damals im Auslandseinsatz für den KGB tätig. 1952 wurde er als Sohn eines Schlossers in Leningrad geboren. Seit 1961 übrigens verbindet das heutige St. Petersburg mit Dresden eine Städtepartnerschaft. Putin studierte in seiner Heimatstadt Rechtswissenschaft und wurde 1974 im letzten Studienjahr als Mitarbeiter des KGB angeworben. Im September 1985 wurde der 33-jährige Putin zum Auslandseinsatz nach Dresden beordert. Ein Jahr später folgte seine Frau Ljudmila und die erste Tochter Mascha nach. Die zweite Tochter Katja ist bereits eine ,,echte" Dresdnerin.
,,Wir wohnten in einer Dienstwohnung in einem deutschen Haus. Es war ein großes Gebäude mit zwanzig Aufgängen", erinnert sich Putin gegenüber russischen Journalisten. Die Zweieinhalb-Raum-Wohnung in dem Plattenbau in der Radeberger Straße war einfach ausgestattet. Vor allem aber war sie günstig gelegen: nur fünf Minuten zu Fuß sind es zum Sportplatz am Jägerpark. Hier erschien Putin regelmäßig, um mit seinen deutschen Kollegen der Stasi Fußball zu spielen. Und auch zur Arbeitsstelle in der KGB-Villa ist es nicht weit.
Putins Frau Ljudmila Putina berichtet: ,,Von zu Hause bis hierhin waren es fünf Minuten zu Fuß. Vom Fenster seines Büros konnte Wolodja der kleinen Katja in der Kinderkrippe zuschauen. Morgens brachte er Mascha in den Kindergarten, der unmittelbar unter dem Fenster unserer Wohnung war, dann brachte er Katja in die Kinderkrippe. Zum Mittagessen kam er immer nach Hause."
Ein Kneipengänger war Putin nicht. Eher traf er sich mit den anderen Kollegen zu Hause. Allein in der Gaststätte ,,Am Thor" am Albertplatz, der damals noch den Namen ,,Platz der Einheit" trug, war Putin manchmal zu sehen. In diesem Lokal am nördlichen Beginn der barocken Inneren Neustadt kann man auch heute deftige sächsische Küche und einheimische Biersorten genießen. Die lokalen Getränke hatten es dem Russen angetan. ,,Wir fuhren regelmäßig in das kleine Örtchen Radeberg, wo sich eine der besten Bierbrauereien Ostdeutschlands befindet", erinnert sich der Präsident. ,,Ich nahm eine 3-Liter-Maß. Das Bier wird hinein gegossen, und dann drehst du den Hahn auf und trinkst wie aus einem Fass. Und so trank ich jede Woche gut drei Liter Bier."
Während die Putins in Dresden den Arbeitsalltag erlebten, führten die Ausflüge vor allem in die vielfältige und reizvolle Umgebung. Ljudmila Putina erinnert: ,,An Feiertagen fuhren wir manchmal mit der ganzen Familie ins Grüne. Es gibt hier sehr viele hübsche Plätze in der Gegend um Dresden, wie zum Beispiel die Sächsische Schweiz, etwa 20 bis 30 Minuten von der Stadt entfernt. Wir gingen spazieren, dann aßen wir Würstchen und tranken Bier."
In Dresden erlebte Putin den Zusammenbruch der DDR und des Sozialismus hautnah. Am Abend des 5. Dezember 1989 stürmten aufgebrachte Bürger zunächst die Stasi-Gebäude an der Bautzner Straße. Eine Bronzetafel erinnert an diese Begebenheit. Anschließend zog ein Teil der Gruppe zur KGB-Villa. Dort empfängt sie eine Gruppe KGB-Soldaten, mit Maschinengewehren bewaffnet, und ein Mann in Zivil. Der Mann im Mantel, so ein Augenzeuge, soll nur einen Satz gesagt haben, mit starkem russischen Akzent, aber eindringlich: ,,Ich bin Soldat bis zum Tod". Die Menge zog sich zurück.
Die KGB-Zentrale in Dresden aber wurde aufgelöst, wie Wladimir Putin berichtet: ,,Ich selbst habe eine riesige Masse von Dokumenten verbrannt. Wir haben so viel verbrannt, dass der Ofen fast explodiert wäre". Wir haben Tag und Nacht Sachen ins Feuer geworfen. .Alle Kontakte waren abgebrochen, die Arbeit mit den Informationsquellen aus Sicherheitsgründen beendet, jegliches Material vernichtet oder an das Archiv übergeben. Amen!"
Auch wenn die Zeugnisse von Putins Dresdner Tätigkeit überwiegend nicht mehr existieren, die Orte kann man heute noch in Dresden erkunden. Und wieder einmal entpuppt sich Dresden als ein Geschichtsbuch, in dem deutsche und europäische Geschichte auf Schritt und Tritt erlebbar ist.
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